Kurzer Auszug aus dem Interview mit dem Stationspsychologen Mykola Fink

Dipl.-Psych. Fink erfasst die komplexe Persönlichkeitsstruktur seiner Patienten schnell. Diese und andere Fähigkeiten braucht er, um den Patienten Hilfestellungen geben zu können. Er vermittelt auch im Interview gerne, wie wichtig es ist, die Grundlagen im Leben »sauber« zu halten und spricht von so genannter »Psychohygiene« – von der Notwendigkeit, sich seinen Konflikten zu stellen und nicht Ballast mit sich herumzuschleppen, der lediglich Energie kostet und Kreativität und Handlungsfähigkeit lähmt. Hört sich eigentlich ganz einfach an ...

In welchem Zustand kommen die hypochondrischen Patienten normalerweise hier an? Welche Geschichten haben die hinter sich?

Ach, die haben ja nun eine Unmenge an Arztbesuchen in der Regel hinter sich, kommen mit dicken medizinischen Befundberichtsstapeln. Einigen ist gesagt worden: »Du hast nichts am Körper! – Du machst dir Sorgen über alles Mögliche.?« Viele haben eine lange Patientenkarriere bei den unterschiedlichsten Ärzten hinter sich und machen sich beständig Sorgen, an irgendetwas erkrankt zu sein. Sie verwenden auch viel Zeit, manchmal mehrere Stunden am Tag, dafür, sich selbst zu untersuchen, ob sie einen neuen Leberfleck haben – oder Frauen tasten sich z.B. die Brust nach Knötchen ab. Manche stellen sich nach dem Duschen lange vor den Spiegel und inspizieren den Körper auf die unterschiedlichste Art und Weise. Checking-Verhalten nennen wir das – eine Form von Gesundheitskontrolle, selbstinitiierter TÜV. Was wir auch dabei ganz oft bemerken, ist ein großes angelesenes Wissensrepertoire – zunehmend aus dem Internet mit fragwürdigen Seiten. Die Schwierigkeiten von Menschen mit hypochondrischen Störungen bestehen ja häufig auch darin, dass diese Versicherung, die anhand von Literaturstudien oder durch Ärzte erworben wird, nur beschränkte Zeit anhält – solange bis die nächste Sorge kommt. Im Grunde findet so etwas wie ein Symptom-Hopping statt: Ich gehe von einem Symptom, nachdem ich meine Ängste durch Gedanken reduziert habe, auf das nächste Symptom, und dann beginnt der Kreislauf von vorne. Das Problem besteht darin, dass ich ein Gefühl auf Dauer mit Gedanken nicht reduzieren kann. Ich kann durch eine geschicktere Steuerung damit anders umgehen – im Vorwege. Ich kann aber eine akute Angst, die da ist, oder eine, die regelmäßig wiederkehrt, nicht durch Gedanken nieder reden.

Was würde stattdessen helfen?

Sich damit auseinanderzusetzen und die Angst zu Ende auszuhalten. Angst funktioniert nach einem bestimmten Mechanismus – sie verschwindet, wenn ich sie lang genug bewusst erlebe. Ich kann mich an ganz viele Angst auslmösende Reize gewmöhnen. Ich mache das an einem Beispiel deutlich. Dies sind keine hypochondrischen Befürchtungen, aber ähnliche. Als wir unser Haus frisch gebaut hatten und ich im Keller viel gewerkelt habe, ist mein damals zweijähriger Sohn mit dazu gekommen, hat sich auf die Werkbank gesetzt und wenn ich die Stichsäge angesetzt habe, ist das laut gewesen und er hat Angst gehabt – starke Angst! Und er hat sich die Ohren zugehalten, obwohl die Stichsäge gar nicht so laut ist. Und im Laufe der Zeit – je häufiger er dabei gesessen hat, desto mehr hat er seine Angst verloren. Als seine jüngere Schwester zwei Jahre später daneben saß, hat er gesagt: »Du brauchst keine Angst zu haben – du musst nur oft genug zuhören.«

Was bedeutet das für die hypochondrischen Ängste?

Ich muss sie nur oft genug zulassen, um sie tatsächlich loszuwerden. Das ist der eine Aspekt. Der andere ist, dass auch diese hypochondrischen Befürchtungen einen Zweck erfüllen. Sie schützen mich vor bestimmten Lebenszusammenhängen, für die ich keine Lösungen habe. Es gelingt mir z.B. über eine ausgeprägte Hypochondrie einen Ehekonflikt zu moderieren. Oder einen Partner dazu zu veranlassen, sich nicht von mir zu trennen, weil ich ja krank bin.

Das klingt ja schon ein bisschen nach Münchhausen-Syndrom? Man manipuliert durch Simulation?

Nein. Damit wmürde man Menschen mit hypochondrischen Befürchtungen sehr Unrecht tun. Es ist vielleicht so, dass sie tatsächlich keine körperliche Erkrankung in dem Augenblick haben, wo sie es befürchten. Trotzdem können wir im psychologischen oder psychiatrischen Sinne von einer Störung – sprich: Erkrankung – sprechen, weil es eben eine krankhafte Furcht vor Erkrankungen ist. Was ja wieder einen Krankheitswert an sich darstellt.

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© 2004 Autark Magazin, Interview: Ben Reichel