Kurzer Auszug aus der Klinikreportage „Station 6“

Irgendwo im Wald zwischen Hamburg und Kiel. Hier befindet sich die Medizinisch-Psychosomatische Klinik Bad Bramstedt, in deren Station 6 Menschen mit gesundheitsbezogenen Ängsten – auch Hypochonder genannt – Hilfe finden können ...

Dr. Gernot Langs, Oberarzt in Bad Bramstedt, mag seinen Job. Er zeigt mir gut gelaunt und ausführlich den ganzen Klinikbetrieb und macht zwischendurch immer wieder Scherze mit mir, mit den Mitarbeitern und Patienten. „Die Patienten können hier auch lachen und wir lachen mit Ihnen – aber nicht über sie.”, erwähnt er professionell und schmunzelt.

Es ist modern hier, alles wirkt eher wie ein Hotel, ein Kurhaus in der Natur gelegen, und weniger wie eine Klinik. Spätestens als Langs mir das Schwimmbad zeigt, bekomme ich Lust hier ein paar Tage eine Erholungskur einzulegen – aber Achtung! Erholungs- und Badekuren werden in der verhaltensmedizinisch orientierten Klinik nicht durchgeführt. Hier wird von morgens bis zum späten Nachmittag an sich gearbeitet: Einzelgespräche, Gruppentherapie, Sport- und Bewegungstherapie, Gestaltungstherapie, Ergotherapie, und so weiter. Ein genau abgestimmtes Konzept für die Hypochonder ist das Besondere. Unter anderem ist Langs dafür zuständig, diese Konzepte zu überarbeiten und Korrekturen vorzunehmen. Durchschnittlich sind die Patienten sechs Wochen hier. Und gelten die meisten dann als geheilt? Langs verneint das. „Das ist eigentlich ein Anschub hier bei uns. Die Umsetzung muss im Alltag erfolgen.“ Dieser verhaltenstherapeutische Anschub besteht kurz gesagt aus Phase 1, in der dem Patienten ein Erklärungsmodell angeboten wird, und aus Phase 2, in der ein alternativer Umgang mit den Ängsten und Beschwerden erarbeitet wird. „Man kann über Angst fünf Jahre lang reden – es würde sich aber dadurch nichts ändern. Der Angstpatient vermeidet – das kennt der. Und da sind wir sehr selektiv und sagen, dass es hier jetzt um Übungen geht! Das kann konfrontativ abgehen. Die Patienten werden auf sich selbst zurückgeworfen – das ist am Anfang natürlich schwierig und mit Ärger verbunden – auch für die Therapeuten und Ärzte. Der mittel- oder langfristige Effekt ist es, eigene Strategien zu entwickeln.“ Langs erwähnt, dass Hintergrundbedingungen mitbearbeitet werden. Z.B. werden die Arbeitssituation, die Familie und Partnerschaft mit einbezogen – Fragen wie „Wie wird die Familie reagieren, wenn es Ihnen besser geht?“ können eine Rolle spielen.

Er zeigt mir die Station 6. Hier wohnen 24 depressive und hypochondrische Patienten in Einzel- oder Doppelzimmern. Reine Depressions- oder Angststationen sind nach Meinung von Langs nicht günstig. „Die Mischung macht's. Sowohl für die Patienten als auch für die Therapeuten ist das wichtig.“

Wie eigentlich wird man zum Hypochonder? Langs weist darauf hin, dass Hypochonder entweder bereits als Kinder in ihrer Familie Erfahrungen mit einem speziellen Umgang mit ihrer Gesundheit gemacht haben. „Das kann ‚overprotective’ Erziehung gewesen sein, bei den geringsten Beschwerden ein ‚Gott, was ist das? Das ist gefährlich!’ Die zweite Möglichkeit ist, dass wirklich eine schwere Krankheit in der Familie gewesen ist, die bedrohlich war und die sich das Kind nicht erklären konnte. Und dahinter steckt ja immer die Tendenz, körperliche Beschwerden als Katastrophe zu interpretieren.“

Ich verabrede mit Dr. Langs, dass ich mir in den nächsten Wochen die Station 6 näher anschauen werde, um Interviews und Fotos zu machen. Ein paar Wochen später sitze ich wieder unterwegs in der AKN-Bahn auf dem Weg von Hamburg nach Bad Bramstedt fest und muss auch diesmal am Ende in ein Taxi zu der Klinik, die mitten im Kiefernwald liegt, umsteigen, um noch pünktlich zur Visite zu kommen.

Bereits um 8.30 Uhr sammeln sich dafür nach und nach die Patienten vor dem Stationszimmer und schauen müde in den Glaskasten, in dem sich noch die Psychologen und Ärzte auf den Start in den Tag vorbereiten. Genauer gesagt zwei Psychologen, zwei Ärzte, eine Cotherapeutin und eine Sekretärin. Der Stationspsychologe Mykola Fink trommelt schließlich einige Patienten zusammen: Manfred, 58, möchte das Interview nur machen, weil er weiß, dass es dem einen oder anderen Leser helfen könnte, wenn er seine Geschichte erzählt. Eva, 25, tut sich sehr schwer mit einem Gespräch und ich bin mir nicht sicher, ob sie auch zum Interview erscheinen wird. Stefan, 30, hat überhaupt keine Probleme mit einem Interview, auch nicht mit den Fotos – aber es geht ihm nicht gut an diesem Tag. Er hält sich den Bauch und verabschiedet sich erstmal. „Bis später! Falls ich dann noch hier bin ...“

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© 2004 Autark Magazin, Text: Ben Reichel, Textüberarbeitung: Holger Wendebourg
Die Namen der Patienten wurden geändert.